Reiseroute


Tagebuch

Anreise

Unser Hauptstadt-Hopping begann in Berlin, wo die Räder die (fast) letzten Regentropfen für die nächsten Wochen sehen sollten. Weiter ging es nach Riga wo leckerste Pelmeni in der hübschen Innenstadt auf uns warteten. Um auch etwas zurück zu geben, fütterten wir die äußerst zutraulichen Vögelchen. In Dushanbe angekommen, machten wir die Räder startklar und genossen die leeren Straßen im Sonnenaufgang. Etwas Nachtschlaf konnten wir im Rudaki-Park nachholen. Anschließend ging es auf große Shoppingtour über den Basar, was sich mit bepackten Rädern als äußerst umständlich herausstellte. Nun mussten wir noch zum Schweizer Konsulat um uns mit Kartenmaterial zu versorgen. Doch auf dem Weg hatten wir den ersten (und glücklicherweise letzten) Platten. Das Felgenband von Claudis Felge fehlte – die Schwalbe Marathon Plus Reifen sind von jeder Schuld freigesprochen.


Dushanbe – Khorog

Die ersten Kilometer sollten im krassen Gegensatz der kommenden Tour stehen. Eine frisch asphaltierte 3-spurige Straße bei 40°C – trotz des Belages kein Genuss zum Fahren. Dafür war die kulinarische Versorgung kein Problem – überall standen am Wegesrand Frauen und Kinder, welche Obst und Gemüse verkauften. Die erste Nacht verbrachten wir insektenfrei unter freiem Himmel. Wir sehnten uns nach Bergen und einer damit verbunden Abkühlung. Die Straße verlief bis kurz hinter der Baustelle des Rogun-Staudamms asphaltiert. Zur Sinnhaftigkeit dieses Projektes kann an einer anderen Stelle ausführlicher debattiert werden. Wir folgten dem Fluss und näherten uns dem ersten Pass mit gemischten Gefühlen. Am letzten Checkpoint vor dem Anstieg wurden wir von den Polizisten mit höchster Verwunderung bezüglich unseres Vorhabens empfangen. Mit dem Fahrrad und Gepäck diesen Pass zu erklimmen sei schiere Quälerei und kann keiner Frau zugemutet werden. Daraufhin wurde der erstbeste Truck gestoppt und die Fahrer aufgefordert, uns mitsamt den Rädern hochzufahren. Im Laderaum war genug Platz und wir machten es uns in der Schlafkabine gemütlich. Dummerweise hatten wir das langsamste Modell gewählt und so fuhren wir in Schrittgeschwindigkeit gen Wasserscheide. Da es bereits Nacht wurde, wollten wir auf die Aussicht und die Abfahrt nicht verzichten und ließen uns daher oben absetzen. Dass im Reiseführer explizit gewarnt wurde, diesen Pass aufgrund der noch nicht geräumten Minen nicht zu verlassen, lasen wir erst in den kommenden Tagen. Wir suchten uns also einen netten Platz zum Zelten und genossen den Ausblick zum Frühstück. Der Spaßfaktor bei der Abfahrt wurde durch Straßenbelag, Felgenbremsen und viel Gepäck entsprechend gedämpft. Kurz vor der Verflüssigung von Mantel und Schlauch erreichten wir in Kalaikum den Panj, den Grenzfluss zu Afghanistan. Von nun an konnte man sich mit einem Blick auf die andere Flussseite über die eigene Straße freuen. Auf afghanischer Seite schlängelte sich ein schmaler Pfad an den Felswänden entlang, teilweise mit meterhoch aufgetürmten Steinen, teilweise fast gar nicht sichtbar. Der nächste Morgen startete wie immer mit schwarzem Tee, dicht gefolgt von einem seltenen Kaffee, gesponsert von einem kroatischen Team der Mongolian-Ralley, einer Charity-Tour von Europa in die Mongolei. Als wir bei der nächsten Pause unseren letzten Apfel verzehrten, kam ein Mann mit einem Eimer leckerster Birnen. Der Freude nicht genug kam nach der sechsten Birne seine Tochter mit frischem Brot, Tomaten und Salz. Wir konnten unser Glück uns diese unglaubliche Gastfreundschaft nicht fassen, als sie eine Tischdecke und Kissen brachte. Bei der Verabschiedung mussten wir noch den Tee ausschlagen. Ob sie sich ebenso über unsere Tafel Schokolade gefreut haben??? Das Pausengeschenk am nächsten Tag bestand aus einer halben Melone – auch nicht schlecht. Das Abendessen wurde im letzten Dorf gesichert – eine Flasche Baltika, frittierte Kartoffeltaschen und Fisch. Es fand sich sogar ein adäquater Schlafplatz mit am Fluss mit Strand! Was für ein Abend! Am nächsten Tag erreichten wir Khorog und suchten uns ein Homestay. Im hübschen Stadtpark trafen wir zwei der vier sächsischen Reiseradler, welche mit einem englischen Team der Ralley nach Khorog gefahren wurde. Einer litt an Verdauungsproblemen, beim anderen schwächelte der selbstkonstruierte Gepäckträger. Deutsche Maschinenbaukunst ist vor Materialfehlern nicht gefeit… Das in unserer Unterkunft vorhandene Wasserklosett nutzte ich sogleich und bekam Durchfall. Wir blieben also einen weiteren Tag in Khorog, bevor wir uns auf den Weg nach Iskashim machten.


Khorog – Alichur

In Khorog verließen wir den Pamir-Highway und folgten den Panj in den Wakhan-Korridor. Ohne LKWs, dafür mit traumhafter Kulisse auf die Gletscher des Hindu Kushs genossen wir die Stecke. Zur Mittagspause wurden wir von einem Fischer in sein Haus eingeladen. Das kleine Haus bestand aus einem einzigen Raum, welcher für seine Frau und drei Kinder reichen musste. Die Kinder hatten deutliche Blähbäuche und dennoch wurde uns sogleich Tee, Brot und später noch Bonbons angeboten. Die Kinder saßen hinter den Eltern und starrten nur auf die Schüssel mit Bonbons. Wir versteckten ein wenig Geld unter den Kissen, bedankten uns und fuhren weiter. Stätiger Westwind und Sanddornduft begleiteten uns auf dem Weg nach Iskhasim. Auf dem dortigen Basar deckten wir uns mit noch warmen Brot und frischem Gemüse ein. Die Nachtruhe verzögerte eine helle Taschenlampe auf afghanischer Seite, welche ununterbrochen zu uns leuchtete. Wir versuchten uns einzureden, dass wir ihnen ebenso suspekt waren wie andersrum, was leider nicht klappte. Am nächsten Tag bekamen wir zu Abwechslung keine Äpfel geschenkt und so mussten wir die Grundstückbesitzer beim erstbesten Apfelbaum fragen. Eine Tochter war Englischstudentin, was die Konversation deutlich erleichterte. Die Schattenseite war der gesalzene Milchtee. Nachdem sich unser Magen-Darm-Trakt in den letzten Tagen beruhigt hatte, war der Appetit gedämpft. Der wenige Abend zwang uns zum ersten Mal das Außenzelt aufzubauen. Um einen Abstecher zur Bibi Fatima zu machen, suchten wir uns im Dorf unterhalb der heißen Quelle ein Homestay. Wir fragten ein kleines Mädchen, wo es eine Unterkunft gäbe. Mit größter Selbstverständlichkeit lud sie uns sofort zu sich ein. Ihre Mama war ebenso nett und schenkte uns sofort Tee ein. Zur Stärkung vor dem Bad brachte sie uns Unmengen Obst und Brot. Das Wasser der Hot Spring war wirklich sehr hot. Danach war man geschafft wie nach einem langen Saunagang, nur gab es draußen statt Trinkbrunnen nur Staub. Den Abend verbrachten wir mit der Familie in regen Austausch ohne ein Wort russisch sprechen zu können. Die Nahrungsaufnahme hätte für die nächsten 100km gereicht. Das Frühstück bestand aus den Bratkartoffeln des Vortrages, was uns glücklicherweise vor dem gesalzenen Tee rettete. Die Suche nach Benzin blieb leider erfolglos. Wir hofften auf Alichur, was leider vergebens sein sollte. Diesel war hier Treibstoff der Wahl. So stellten wir uns auf kalte Küche ein und näherten uns dem Pass, welcher uns zurück auf den asphaltieren Pamir-Highway führen sollte. Unterwegs wurden uns frische Eier zum Frühstück gebracht, ein paar Kinder schoben uns zwei Serpentinen hoch, wobei sie Kekse als Entlohnung nicht akzeptierten. Anscheinend kommen hier sehr viele Reiseradler entlang und die Kinder haben eine lukrative Einkommensquelle entdeckt. Nach einer tollen Abfahrt erreichten wir den lang ersehnten Bitume. Mit Rückenwind und Höhenverlust ging es mit beängstigender Geschwindigkeit in Richtung Alichur. Statt Benzin fanden wir frisch frittierten Fisch. Ein Hochgenuss. Die Nacht verbrachten wir am Fluss gegenüber der Fritteuse.


Alichur – Khorog

Da wir den Urlaubszenit weit überschritten hatten, mussten wir an die Rückfahrt denken, gönnten uns aber noch den kleinen Umweg über die Piste zum Bulunkul. Wir mussten bedauerlicher weise feststellen, dass wir uns immer noch in der Westwindzone befanden. Eine gewaltige Motivation war ohne Frage der Geysir, einer der Höhepunkte der Reise (siehe Fotos). Die Nacht am Bulunkul war zwar recht windig und kühl, aber ein landschaftlicher Knüller. Nach dem Frühstück ging es wieder auf den Pamir Highway und damit über den vorletzten Pass der Reise. Ohne einen Höhenrekord zu haben, schwand die Motivation. Dafür wurden wir auf der anderen Seite von dem Besitzer eines großen Hofes eingeladen. Es waren kirgisische Hirten, welche uns entsprechend mit Milchreis, frischem Joghurt und Butter beköstigten – unglaublich!!! Da lediglich zwei kleine Räume beheizt waren, zelteten wir im Hof. Der letzte Anstieg verging wie im Fluge, das Gefühl des Endes der Reise drängte sich langsam auf. Nach dem wunderschönen Wakhan-Korrdior und der Hochfläche bei Alichur kam uns das besiedelte Tal des Gunts eher langweilig vor. Mit großer Freude rollten wir in Khorog ein, ein Gefühl des altbekannten drängte sich auf. In einem hübschen Homestay verbrachten wir noch zwei Nächte, wobei die zweite unfreiwillig durch den flotten Otto erzwungen wurde. Mit noch flauem Magen radelten wir zu dem Taxistand und hofften auf einen freien Jeep nach Dushanbe, möglichst mit guter Bereifung. Einer war noch frei, jedoch ohne erkennbares Profil. Aufgrund mangelnder Alternative schnallten wir unsere Räder zusammen mit dem Rad eines Franzosen aus unserem Hostel aufs Dach (keine gute Idee). Die Befestigung erfolgte wenig fachmännisch und so zerschnitten wir einen Fahrradschlauch um ein paar Scheuerstellen abzupolstern und holten unsere letzten Spanngurte heraus. Die ersten Kilometer litten wir noch mit den Rädern mit, doch irgendwann stellte sich die Gleichgültigkeit ein. Nach dem ersten Platten des Jeeps mussten wir feststellen, dass das Ersatzrad schon von der Hinfahrt durchlöchert war und wir so auf Hilfe warten mussten. Es sollte nicht der letzte sein. Die langen Reparaturpausen versuchte der Fahrer stets wieder reinzufahren. Jedoch nicht zur Freude der Insassen. In Dushanbe angekommen freuten wir uns über das eigene Wohl und das der Räder.