Tagebuch

Anreise

Nach einem langen und kulinarisch nur bedingt lohnenswerten Flug über St. Petersburg erreichten wir Bishkek in der Nacht. Der erste Anblick unseres Reisegefährts war dennoch überwältigend. Das erste Auto mit Tapete im Innenraum. Die perfekte Abstimmung der Federung hätte selbst auf der besten Asphaltstraße das Potential zur leichten Übelkeit. Die Beinfreiheit hatte Ryanair-Standart. Dafür war die Aussicht grandios. Bei Sonnenaufgang fuhren wir der Innenstadt entgegen. Nach einem ausgiebigen Frühstück holten wir den Nachtschlaf nach und begaben uns anschließend auf die Suche nach einer Lokalität für ein kultiviertes Abendessen. Am nächsten Tag deckten wir uns auf der größten Shopping-Meile der Stadt – dem Osh-Basar – mit allem notwendigen ein, von Atella (der kirigsischen Nutella) bis Vodka. Bevor die Fahrt zum Issyk-Kul los gehen sollte, unternahmen wir einen Tagesausflug in den Ala-Artscha-Nationalpark, wenige südlich von Bishkek. Zum Staatsfeiertag schauten wir uns im örtlichen Hippodrom eine Hengstparade der anderen Art an. Zwei berittene Mannschaften stritten sich um ein totes Schaf. Dank der Windstille war die gefühlte Temperatur dem Schmelzpunkt der guten Laune nahe und so verließen wir das Spektakel nach der ersten Halbzeit, suchten etwas zu Essen und genossen den Nachmittag am hosteleigenen Pool, bzw. den Abend mit Vodka auf der Terrasse.

 

Bishkek – Issyk-Kul – Karakol

Ein tagesfüllender Programmpunkt stand an – die Fahrt zum größten See Kirigstans, dem Issyk-Kul. Bei einem ansässigen Fischer a.D. fanden wir Platz für unsere Zelte und einen kleinen Badestrand, welcher sogleich genutzt wurde. Bier und Brot versüßten den Abend am Lagerfeuer. Es folgte ein Wandertag im Kungej-Alatau, dem eine mehrstündige Fahrt in Schrittgeschwindigkeit vorausging, welche an einem Bergsturz jäh beendet wurde. Hier ging es nur noch per Pedes weiter (was in Anbetracht der 180°-Wende des ZILs auf einer schmalen Straße am steilen Abhang sehr attraktiv war). Ohne Gletscherkontakt mussten wir den Rückweg antreten. Der kurvenreichen Abfahrt hielt leider nicht jeder Magen stand und so freuten sich alle auf die Ankunft. Die Weiterfahrt verspätete sich wie immer. Diesmal aufgrund eines kollektiven morgendlichen Bades. Um uns für die nächsten Tage kulinarisch einzudecken, hielten wir beim nächsten Basar. Unserer großen Kaufkraft stand leider nur ein geringen Angebot gegenüber. Abermals fuhren wir ins Kungej-Alatau und suchten uns eine nette Stelle zum Campen. Neben einem Jurtencamp fanden wir ein wunderschönes Domizil für die nächsten zwei Nächte. Nachdem die ersten von der Rache Montezumas heimgesucht wurden, wanderte der Rest der Gruppe zu den Überresten eines gewaltigen Seeausbruches. Am nächsten Tag ging es zurück zum Issyk-Kul und weiter nach Karakol. Wir nächtigen in einem innerstädtischen Jurtencamp für Outdoor-Touris. Jedoch erfreuten sich die Toiletten, Duschen und der Supermarkt großer Beliebtheit. Die geplante Fahrt zum Ennylchek-Gletscher musste aufgrund allgemeinen Unwohlseins verschoben werden. Aus Ermangelung an der Möglichkeit des Sightseeings fuhren wir zum Strand und entspannten aktiv.

Karakol – Inylchek Gletscher – Karakol

Nach langer Warterei ging es doch noch los und so nahmen wir 7h Fahrzeit auf uns, um zum größten Gletscher des Tien-Shans, dem Inylchek Gletscher, zu kommen. Der Regen setzte pünktlich zur abendlichen Ankunft ein, das ausgefallene Abendessen ließ die Stimmung kochen. Ein zeitiger Start schien sehr verheißungsvoll, doch beim Erreichen des ersten Flusses sank die Motivation. Tiefe und Strömungsgeschwindigkeit luden nicht zum Überqueren des Flusses ein, schon gar nicht mit Rucksack. Alban lief zum Camp zurück und konnte zwei betrunkene Kirgisien überreden, uns für eine Flasche Vodka und etwas Bargeld mit dem Pferd über den Fluss zu bringen. Endlich konnte es weiter gehen und wir näherten uns der Mittagsrast. Das Höhenprofil inkl. Rucksack sagte nicht jedem Teilnehmer zu und so war das Umknicken des Exkursionsleiters eine dankbare Beendigung der Tagesetappe. Lagerfeuer und Vodka hebten die Stimmung. Statt mit Rucksäcken weiterzulaufen, machten wir eine Tagestour zum Gletscher. Vier Schwemmfächer später erreichten wir die schuttbedeckte Zunge. Die Vorstellung eines Gletschers waren bei vielen konträr zum dem, worauf sie standen. Debris statt Eis und dass für die nächsten hunderte Meter. Um wenigstens einen Blick auf den gewaltigen Gletscher zu bekommen, erklommen wir einen Bergrücken soweit es die Motivation zuließ. Dank des geringen Tagespensums auf dem Hinweg war uns ein entspannter Rückweg zum Basislager sicher. Ein entspanntes Frühstück und Duschen unterm Wasserfall waren die Konsequenz. Wieder am verhängnisvollen Fluss wurden verschiedenste Möglichkeiten der Überwindung ersonnen, doch alles scheiterte und wir schlugen die Zelte auf. Regen setze ein, wurde zu Schnee und so war ein jeder in seinem Zelt. Am nächsten Morgen, nachdem 15 angehende Wissenschaftler an der Flussüberquerung scheiterten, fuhr unser Fahrer einfach mit dem ZIL zu uns herüber, wir packten unsere Sachen und es ging zurück zum Jurtencamp nach Karakol

 

Karakol – Kyzyl-Oi – Bishkek

Statt auf direktem Wege nach Kyzyl-Oi zu fahren, der Heimat von Alban, machten wir zuvor am Südufer des Issyk Kol einen Abstecher zu ein paar Molasse-Felsen. Nach einer Nacht mit Frost fuhren wir zurück zum See und genossen ein Mittagessen am Strand. Auf dem Gelände einer Hotelruine fanden wir den geeigneten Platz für unsere Zelte, zum Baden und zum Fotografieren. Nach zwei „Hotelnächten“ ging es weiter in Richtung Songköl, einem Gebirgssee inmitten eines Hochplateaus. Der abendliche Regen wurde zu nächtlichen Schnee, die Sichtweite am nächsten Morgen erreichte gerade so den zweistelligen Meterbereich und so entschieden wir uns gegen eine Weiterfahrt auf der verschneiten Gebirgspiste. Somit erreichten wir etwas früher als geplant Kyzyl-Oi und wurden von Albans Familie herzlichst empfangen und nach allen Regeln der Gastfreundschaft bewirtet. Mit einem sagenhaften Frühstück starteten wir in den Tag. Frische Kräbbelchen aus der Feuerfritteuse, Eierkuchen und noch warmes Brot führten zu einer positiven Energiebilanz des Tages. Denn statt Wanderung stand diesmal ein Ausritt zu Pferde auf dem Programm. Als alle verfügbaren Pferde aus dem Dorf aufgetrieben waren, konnten wir starten. Nachdem dann sogar der Einsatz von Rute und Fersen rudimentär erlernt waren, war sogar ein geplanter Galopp möglich. Zu unseren Ehren und kulinarischen Genuss wurde am Abend sogar eine Ziege geschlachtet. Der daraus entstandene Plov schmeckte super, der Ziegenkopf auf dem Teller war als Anblick auch nicht schlecht, jedoch weniger schmackhaft. Als Zeichen unserer Dankbarkeit initiierten wir ein kleines Schulfest. Verschiedenste Spiele standen auf dem Programm, von Tauziehen bis zum Volleyballturnier, welches wir kläglich gegen die Locals verloren. Der Ausritt am nächsten Tag endete leider durch einen Materialfehler am Sattel für einen von uns im Krankenhaus in Bishkek mit gebrochenem Oberarm. Einen Tag später fuhr auch der Rest der Gruppe in die Hauptstadt, denn das Ende der Exkursion nahte. Im Geoid-Shop wurden ein paar Landkarten für die nächste Reise gekauft und am Abend trafen zwei Reiseradler aus England im Hostel ein. Deren Erzählungen weckten sogleich die Pläne für den nächsten Sommer. Am letzten Tag deckten wir uns mit allerlei Gewürzen, Tüchern und sonstigen verwendungsfähigen Souvenirs ein, bevor es zum Flughafen ging und wir uns ein letztes Mal vom ZIL durchschütteln ließen.

Konstruktive Kritik und Akklamation